Eintaege O’Malley
Eintrag #1#
Ich dachte, dass ich mich nie wieder aufraffen würde. Dass deine Abwesenheit, dein Fehlen auch in mir fehlt. Mit dir, meine Ayu, ist mehr als die Hälfte meiner selbst gestorben. Meine Tage sind Nächte und meine Nächte sind dunkel und grausam.
Aber vor kurzem habe ich einen Entschluss gefasst. Ich saß am Fenster und blickte in die Ferne, wie wir es oft gemeinsam taten. Bei Kaminfeuer, dem Duft von Holz, das seit Generationen eine Heimat bietet. Gerade als ich mich abwenden wollte, sah ich einen Vogel. Feuerrot schien er und er stürmte von Ast zu Ast. Erst später sah ich, dass ihm ein schwarzer Rabe folgte. Doch der kleine Vogel gab nicht auf, entfloh immer wieder aufs Neue seinem Henker und weigerte sich keck, sein Schicksal zu akzeptieren. Und das tue ich auch. Ich akzeptiere nicht, dass du nicht mehr bei mir bist. Ich akzeptiere nicht, dass du gegangen bist. Ich akzeptiere nicht, dass diese Welt es uns unmöglich macht, miteinander zu existieren. Eine Welt, die das versucht, macht sich mich zum Feind.
Ich werde aufbrechen und in den tiefsten Winkeln unserer Welt und unserer Geschichte nach einer Möglichkeit suchen, dich zurückzuholen – für immer. Gerade eine Erinnerung an ein Buch meiner Kinderzeit brachte mich auf eine vielversprechende Fährte. Die Sigurdssage bietet einen vielversprechenden Ansatz. Und in den Aufschrieben meines Vaters fand ich sogar Namen von Personen, welche Siegfried und Brunhilde anbeten. Sie haben mich zu einem Treffen eingeladen.
Meine Ayunemoka, lange wirst du nicht mehr harren müssen. Bald sind wir wieder vereint.
Eintrag #2#
Die Sigurdssage – Bittersüß und voller Liebe zugleich. Zeigt sie nicht die Gier, die so viele Männer zu Fall gebracht hat? Siegfried der Drachentöter: Größter Held seiner Zeit. Hat alles, was wovon ein Held nur träumen kann. Gewinnt das Herz der Walkyrenkönigen Brunhilde, liebt sie sieben Nächte, entreißt sie ihrer Aufgabe und Odins Fängen, nur um sie dann für irgendeine Prinzessin links liegen zu lassen. Was für ein Idiot. Und zu seinem Tod erscheint dann auch noch Brunhilde und springt zu ihm ins Feuer.
Über die Rolle des Feuertodes habe ich lange nachgedacht. Das gemeinsame Sterben im Feuer scheint etwas Magisches innezuhaben. Nicht wenige Kulturen messen dem etwas Mystisches, Göttliches bei. So auch in der Siegfriedssaga. Durch den Feuertod voll liebender Inbrunst vereint Brunhilde die beiden füreinander bestimmten Seelen in Jenseits. Wenn ich das Ganze nur umdrehen könnte. Aber es stellen sich einige Schwierigkeiten dar. Ich weiß nicht, wo dein Körper ist, Ayunemoka und so kann ich mich nicht mit ihm vereinen. Und außerdem will ich das auch nicht. Warum sollte ich vor der Welt fliehen, die uns beide auseinandergerissen hat? Ich werde diese Welt in ihre Knie zwingen und ihr wird nichts weiter übrigbleiben, als uns beide zu akzeptieren! Ein O’Malley flieht nicht. Ein O’Malley kniet nicht.
Bei meinen Forschungen auf Burg Isenstein sind mir auch andere interessante Dinge zu Ohren gekommen. Zunächst der Feuerring. Pardon für meine simple Ausdrucksweise, aber ich habe schlicht zu wenig Verwendung für ihn, um mir einen besonders nachhallenden Namen auszudenken. Er ist eine große Hilfe bei immateriellen Dingen. Er könnte Geister unfreiwillig sichtbar machen oder den Kampf gegen solche Ungetüme ermöglichen, die im Unstofflichen weilen, aber durchaus vom Stofflichen zehren können. Vielleicht leite ich diese Informationen an meine guten Goodies weiter. Vielleicht können Sie damit etwas anfangen.
Interessanter finde ich da schon den Zahn der Midgardschlange. Es scheint sich um eine Art Dolch, Spitze oder Nagel zu handeln. Aber genau weiß ich es auch nicht. Ich werde auf die Suche nach diesem Artefakt gehen. Ich denke, es spielt eine nicht unwichtige Rolle in dem Ritual, das mir hilft, dich zurückzubringen. In meinem Kopf hat sich bereits eine Idee gebildet, die nun ihre Ranken in mein Denken schlägt. Auf der gesamten Welt gibt es vergleichbare Artefakte, die bei der Kanalisierung von Toten zum Lebenden behilflich sein können. Ein solches Artefakt kenne ich zum Beispiel vom Häuptling im Altai-Gebirge, bei dem ich einige Sommer lebte. Wenn wir genug davon hätten, könnte das ein wichtiger Schlüssel sein, dich zurückzuholen.
Eintrag #3#
Ich muss meine Zelte auf Burg Isenstein abbrechen, meine Ayu. Noch länger halte ich es nicht aus. Irgendetwas hier scheint mir das Gemüt zu trüben. Aber nicht nur das. Meine sonst scharfen Sinner stumpfen ab, mein Fokus schwindet und ich werde aggressiv und misstrauisch. Hier geht es nicht mit normalen Dingen zu. Ich vermute, dass es sich entweder um magisches Wirken oder eine Kreatur handelt. Vielleicht einen Lloigor. Über solche Bestien las ich in einem der Tagebücher meiner Vorfahren. Dieses Biest soll die Grundlage für viele Drachengeschichten sein. Eine echsenhafte Kreatur, die oft im Äther sitzt und genüsslich die Ängste und Wüte ihrer Opfer schürt, um dann irgendwann verstofflicht zuzuschlagen. Wenn man diese Bestien nicht töten will, muss man sie in einem Gefäß gefangen nehmen.
Für all das fehlt mir aber die Zeit und Muße. Die Sterne stehen bald günstig und ich will nicht länger warten. Außerdem scheint mich eine weitere Kraft davon abzuhalten, den Zahn der Midgardschlange zu erreichen. Insgesamt habe ich gemerkt, dass meine Präsenz für das Übernatürliche zu aufmerksam ist. So wie Raubtiere sich gegenseitig wittern können, passiert mir dies auch immer häufiger. Ich brauche Unterstützer. Ich musste wieder an den Vogel denken. Den Feuerroten, der mich so an dich erinnerte. Er flog hin und her, hin und her, getrieben von seinem Instinkt. Wie wäre es denn, wenn andere für mich diese Gegenstände finden. Natürlich sollen sie reichlich belohnt werden. Was will ich mit all meinem Geld, wenn ich dich nicht habe, Ayunemoka? Leider bin ich keine Krake und kann nicht überall sein. Damit ich dich zur rechten Zeit zurückholen kann, brauche ich Hilfe. Und ich habe da so ein paar Kandidaten im Sinne. Außerdem gibt es noch andere Probleme. Einer Brieffreundin, der ich etwas versprach, einem Geist, der seine Ruhe finden sollte. Meiner Schwester, die ich noch nicht befreien konnte und dem Volk der Altai, das einer alten Bedrohung entgegenblickt. Und natürlich auch Franz, der immer schwächer auf seinem einsamen Berg wird. So viel zu tun und so wenig Zeit… .
Jetzt brauchen wir nur noch eine Show, um das Ganze ins Laufen zu bringen. Aber ich komme ums Verrecken auf keine Idee. Anyways: Ich lasse diese Aufschriebe hier. Sollen sie mit der verdammten Burg Isenstein im kalten Rachen der Nordsee versinken.
Entdeckt in#
Session 08 - In der Bibliothek von Burg Isenstein gefunden, kurz nachdem Cian O’Malley dort etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod weilte.
Verbindungen#
- Cian O’Malley - Verfasser der Einträge
- Ayunemoka - die Verlorene, derentwegen O’Malley sich aufmacht
- Die Sigurdssage - liefert ihm den Ansatz für sein Ritual
- Siegfried und Brunhilde - zentrale Figuren des Rituals
- Burg Isenstein - Fundort und Forschungsstätte O’Malleys
- [[Zahn der Midgard Schlange]] - gesuchtes Artefakt für das Ritual
- Lloigor - Kreatur, die O’Malley auf der Burg zu spüren glaubt
- Franz Weiss - “der immer schwächer auf seinem einsamen Berg wird”
- Mönkthuya / Altei Gebirge - Kosch-Agatsch - “das Volk der Altai, das einer alten Bedrohung entgegenblickt”
- Rose Tattoo - Cians Geschichte - weitere Hinweise auf Ayunemoka